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exil-literaturpreise 2015 schreiben zwischen den kulturen

bereits zum 19. mal seit 1997 wurden 2015 die exil-literaturpreise vergeben. die preisverleihung fand am sa. 14.11.2015 bei der BUCHwien statt.

die entscheidungen zur preisvergabe wurden wie schon in den vorjahren von drei getrennt arbeitenden juryteams getroffen. für die jury der prosa- und lyrikpreise 2015 konnten die autorInnen renate welsh-rabady und didi drobna sowie der literaturkritiker dr. anton thuswaldner (salzburger nachrichten) gewonnen werden. die jury der exil-jugend- und schulpreise bildeten diesmal didi drobna und christa stippinger. die jury des dramatikerInnenpreises 2015 bestand aus alex riener (freie regisseurin), ronald pohl (der standard) und bernhard studlar (wiener wortstaetten/autor).

die exil-literaturpreise 2015 gingen an:

der 1. preis, dotiert mit euro 3.000,- (dreitausend euro) an alexandra turek für  ihren  text „über den dächern der stadt“.

der 2. preis, dotiert mit euro 2.000,- (zweitausend euro) an miroslava svolikova für ihren text „auf fremden bildern. grüße vom michaelerplatz“.

der 3. preis, dotiert mit euro 1.500,- (eintausendfünfhundert euro) geht an ovid pop für seine kurzgeschichte „der exerzierplatz“.

die jury hat sich weiters darauf geeinigt, in diesem jahr anstelle eines lyrikpreises einen weiteren preis im bereich der kategorie prosa zu vergeben.

der 4. preis im bereich prosa, dotiert mit euro 1.500,- (eintausendfünfhundert euro) geht an barbara markovic für ihren text „walkthrough“.

der preis für autorInnen mit deutsch als erstsprache, dotiert mit euro 1.500,- (eintausendfünfhundert euro) geht an barbara eder für ihren text „drüben“.

der dramatikerInnenpreis der exil-literaturpreise 2015, dotiert mit euro 2.000,- (zweitausend euro) geht an christian maly-motta für sein stück „grenzgänger oder das lied vom bösen spiel“.

der exil-jugend-literaturpreis 2015, dotiert mit euro 1.000,- (eintausend euro) geht an samuel mago für seine kurzgeschichte „zeuge der freiheit“.

der preis für schulklassen, dotiert mit euro 1.000,- (eintausend euro) geht an schülerInnen der nmsi glasergasse 8, 1090 wien und an frau doris pfennich (lehrkraft) für das projekt „heimat, fremde heimat“. die teilnehmenden schülerInnen: iman schamilova, apolonija staletic, tiana djordjevic, aleyna evecen, beyza öner, albulena mamudi, lousia-marie müller, zehra akkaya, arijeta zyberi, martha cunanan und seda osmaeva.


die juryteams begründen ihre entscheidungen wie folgt:

alexandra turek: „über den dächern der stadt“
"wie zuhauf sprechen" für diese formulierung allein hätte alexandra tureks text „über den dächern der stadt“ einen preis verdient. mit drei wörtern beschwört sie eine ganze szene, die sich pantomimisch darstellen ließe, in der hoffnung auf verständnis und aggressivität sich die waage halten – aber vielleicht habe ich alles falsch verstanden, und auch das wäre durchaus legitim, denke ich, weil dieser text so vieles offen lässt, und das ist eine seiner stärken. diese sehr genau gezeichneten fragmente erzeugen einen sog, aus dem neue bilder aufsteigen.
"bin tot und lebendig. auf der durchreise. warum?“, schreibt turek. manche passagen muten an wie ein blick aus dem fahrenden zug, atemlos, "ich renne den dingen nach", aber "meine füße sind müde". immer wieder das gefühl unterwegs zu sein. es ist nicht möglich zurückzukehren. turek schaut, registriert, hört zu, bleibt draußen, ist nur zu besuch in dem land, aus dem ihre "sprache stammt".
"ich sage nicht woher ich komme. ich gehe blindlings weiter, um mich nur nicht noch einmal umzudrehen."
fraglos dazu zu gehören ist nicht mehr möglich, nicht hier und nicht dort.
"meine wörter sind schritte in ein fremdes land."
so kalt es ist in der fremde, so spürbar ist auch die herrlich trotzige widerstandskraft, die von diesem text ausgeht, der triumph der gelungenen form.
"meine beute entkommt mir nicht.
lautlos schleiche ich mich an.
sie wird mit beiden krallen festgehalten,
bis sie gebrochen am boden liegt.
eine sprache, ein satz, ein wort.
melodie der fremde. leibspeise."
(renate welsh-rabady)


miroslava svolikova: „auf fremden bildern. grüße vom michaelerplatz“
der text von miroslava svolikova besticht durch die beiläufigkeit, mit der große fragen abgehandelt werden: wer bin ich eigentlich in einer recht befremdlich anmutenden wirklichkeit? die autorin bewältigt das thema verstörung nicht, indem sie den direkten zugriff auf die befindlichkeit einer frau sucht, sie geht auf distanz, schmuggelt momente der irritation ein und versteht sich auf die kunst der abstraktion.
(anton thuswaldner)


ovid pop: „der exerzierplatz“
mit nur wenigen sätzen malt ovid pop in seinem text "der exerzierplatz" ein bild: mitten in den bergen, in einer anderen zeit ist ein archaischer ort, wo junge männer zum heranwachsen gedrillt werden. durch den souveränen ton, den sicheren stil und die einfache, aber starke sprache wird eine atmosphärische dichte erschaffen, die bereits auf den wenigen seiten wie ein sog wirkt und den leser nicht mehr loslässt; pop ist definitiv ein erzählerisches talent.
(didi drobna)


barbara marković: „walkthrough“
barbara marković ahmt in ihrem temporeichen text "walkthrough" den stil von audiovisuellen komplettlösungen für computerspiele nach; in einem stakkato an eindrücken, bildern und zuständen schildert sie kompromisslos das schicksal eines transgender-flüchtlings, lässt dabei aber auch komische momente zu, die umso stärker wirken, da sie das menschliche elend unterstreichen. poppig und schnell spielt sie im sinne eines echten walkthroughs ein asylschicksal durch, enthält sich dabei jedoch des pathos und seziert mit ihren scharfen beobachtungen lieber die tiefer liegenden ebenen: ein starker, durchdringender text.
(didi drobna)


barbara eder: „drüben“
wenn barbara eder über armenien schreibt, spart sie deutschland nicht aus. sie ist eine autorin, die unsere weltlage aufregt, darüber ins schreiben kommt und prosa daraus schlägt, der jede aufgeregtheit, besserwisserei und moralische aufdringlichkeit ausgetrieben ist. das liegt daran, dass sie ihren figuren vertraut, sich von ihnen führen lässt, und sich für ihre schicksale interessiert, die eine folge politischer unzulänglichkeiten sind.
(anton thuswaldner)


christian maly-motta: „grenzgänger oder das lied vom bösen spiel“
maly-motta oder: der absturz ins glück
den beginn des „grenzgänger“-spiels könnte ödön von horváth sich ausgedacht haben. eine „sehr schlanke“ mittzwanzigerin begehrt einlass in ein land, das ihr wie das „gelobte“ vorkommt. ein wachsoldat versperrt ihr den weg. das grenzorgan spricht mit der migrantin in spe im tone jener kleinbürger, die alles besser zu wissen meinen, weil sie ihr verständnis der welt aus den almanachen der halbbildung schöpfen. er sagt, „so eine wie sie“ täte nie einen gelben passierschein bekommen: „weil so ein schein nämlich, / der ist was wert und da acht man drauf, / wer den bekommt.“
karla und ihr gefährte lolo bekommen eine menge in christian maly-mottas drama „grenzgänger oder das lied vom bösen spiel“. sie erreichen tatsächlich das gelobte land, oder doch wenigstens einen außenposten des paradieses. mit ihrer ankunft im goldenen westen scheint alles erreicht – und doch ist für die beiden theaterfiguren nichts gewonnen. in „leonidas bar“ regiert das zynische bewusstsein der übersättigung. die proserpina der bar, eine gewisse eveline, fragt sich, „warum es nichts mehr wirklich schönes“ gibt: „ist die welt so leer oder vielleicht so voll?“ die gaststätte ist vielleicht nur ein durchzugsort auf dem weg in die goldene stadt. aber karla und lolo sitzen hier vorläufig fest, in einer weltgegend, in der die beziehungen unter den menschen nur noch unter dem zeichen des warenwerts funktionieren.
maly-mottas famoses drama gebraucht die kennwörter der zeit. es beschreibt den absturz ins glück als nachtfahrt, die geradewegs in die hölle führt. wir dürfen diese hölle als unseren ureigenen wohnort wiedererkennen. eine verblüffend eigenständige stimme erhebt hier das süddeutsch gefärbte wort. auf dem schmalen grat zwischen politischer allegorie und bösem volksstück ereignet sich – unterlegt vom sound des falsettierenden chris isaak – das seltene glück wahrhaft dramatischer weltbetrachtung. das stück könnten horváth und bernard-marie koltés, vielleicht in „leonidas bar“ sitzend, sich gemeinsam ausgedacht haben. so stammt es von christian maly-motta, von dessen theatralischer kraft vieles zu erhoffen steht.
(ronald pohl)


samuel mago: „zeuge der freiheit“
in der kurzen erzählung „zeuge der freiheit“ erzählt samuel mago die geschichte einer familie, die in den 60er jahren aus dem (bürger)kriegsgerüttelten budapest flieht. mehrere perspektiven und schicksale verschiedener familienmitglieder werden verflochten, mago begleitet seine protagonisten auf ihrer reise; vom entschluss des fliehens hin bis über die grenze. souverän meistert er das thema und schafft es, pathos und kitsch zu vermeiden, sodass eine klare, auf das wesentliche reduzierte geschichte verbleibt. ein vielversprechender literarischer anfang.
(didi drobna)


schülerInnen der nmsi glasergasse 8, betreut von frau doris pfennich: „heimat, fremde heimat“
das projekt „heimat, fremde heimat“ der nmsi glasergasse ist teil eines mittlerweile jährlich stattfindenden lese- und redewettbewerbs. dieses schulische projekt ist außerordentlich und ein wichtiger schritt zur förderung interkultureller kommunikation, denn teile der texte und des vortrags erfolgen in den jeweiligen muttersprachen der teilnehmenden. die texte der schülerinnen und schüler sprechen vom leben zwischen zwei welten, vom fremdsein in der alten und der neuen heimat, von zugehörigkeit und von der suche nach der eigenen identität. es sind nachdenkliche texte, ehrliche autobiografien, reflexionen über das eigene ich und den platz in der welt, aber auch kritische auseinandersetzungen über die begriffe des andersseins und dazugehörens. es ist beeindruckend, wie sich die jüngste generation dem begriff „heimat“ nähert und schön, dass dieses schulische projekt mittlerweile tradition hat.
(didi drobna)


ein projekt von exil, zentrum für interkulturelle kunst und antirassismusarbeit
stiftgasse 8 - 1070 wien - tel. 0699 123 444 65 - fax 01 89 00 87 215
verein.exil@inode.at    edition.exil@inode.at    www.zentrumexil.at

in kooperation mit dem verein kulturzentrum spittelberg, der grazer autorInnenversammlung und den wiener wortstaetten

gefördert von:

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